Der Pedell von Fulda - Friedrich Fölsch (1859 - 1920)
Friedhof Frauenberg Fulda
Die Antwort aus dem Amt per E-Mail, der Hinweis auf das Loch im Asphalt per App – kaum jemand macht sich heute Gedanken darüber, wie in früheren Zeiten Informationen den Weg zum Empfänger fanden. Ja, natürlich per Post, was auch heute noch und unter anderem gilt. Damals, im städtischen Bereich und innerhalb großer Einrichtungen wie beispielsweise den Universitäten, gab es spezielle Boten, die meist zu Fuß die Nachrichten überbrachten und Aufträge ausführten. Genannt wurde ein solcher Bote Pedell (lat. Pedellus). Und es versteht sich von selbst, dass die Anforderungen an Vertrauenswürdigkeit hoch waren.
Friedrich Fölsch wurde 1889 der Stadtpedell in Fulda – und war als solcher der Beamtenklasse III zugehörig. Sein Gehalt betrug rund 45 % von dem, was in der höchsten Beamtenklasse für den Stadtkämmerer bezahlt wurde. Seine Dienstwohnung hatte die bemerkenswerte Adresse Schlossstraße 1; sie lag im rechten Flügel des Fuldaer Stadtschlosses.
„Gewissenhaft und voller Frische“ erfüllte er treu seine Pflichten. Diese empathischen Worte findet ein Kollege am 11. August 1920, um seine Trauer und seinen Respekt auszudrücken; denn Friedrich Fölsch war in der Nacht zuvor plötzlich gestorben. Eine Fassungslosigkeit spricht aus dem Zeitungsbericht unter der Überschrift „Lokales, Personennachrichten“: „Gestern abend gegen 7 Uhr saß Herr Fölsch noch in der heiteren Ruhe, die ihn allen, mit denen er in seinem Amte zu tun hatte, so lieb machte, mit dem Schreiber dieser Zeilen zusammen auf der Bank vor dem Magistratssitzungszimmer, um einen kleinen Auftrag zu besprechen.“ Und am nächsten Tag ist alles anders. Der Stadtpedell, der 1910 bei seinem 25-jährigen Dienstjubiläum den Titel „Städtischer Botenmeister“ erhielt, war tot. Ein Herzschlag hatte seinem Leben ein Ende gemacht, „(e)inem Leben, das gesegnet war durch treue Pflichterfüllung, menschenfreundliche Hilfsbereitschaft und Mitarbeit an allem, was wertvoll und gut ist.“
Die Beerdigung fand an dem folgenden Samstag, dem 14. August 1920 auf dem Friedhof am Frauenberg statt und das Seelenamt war für für 7 ¼ Uhr im Dom terminiert. Die versammelte Trauergemeinde muss recht groß gewesen sein; sowohl der Kriegerverein Fulda als auch die Marianische Bürger- und Junggesellensodalität rufen in der Zeitung zur Teilnahme an dem Trauerzug für das verstorbene Mitglied auf.
Wie mag es bei der Familie ausgesehen haben? Die Todesanzeige erscheint bereits am 12. August, gezeichnet von seiner Frau Elise Fölsch, geb. Seitz, im Namen aller Hinterbliebenen. Sie präzisiert die Nachricht: Friedrich starb um 1 Uhr 20 Min. – infolge eines Schlaganfalls. Und es muss noch Zeit gewesen sein für die letzte Ölung; denn Fölsch starb „wohlversehen mit den Tröstungen der hl. Religion“. Die Hinterbliebenen sind in der Welt verstreut, wie die Anzeige auflistet: Fulda, Essen, New York Astoria, Rothelmshausen. Eine außergewöhnliche Reihe, wobei Fulda der Lebensmittelpunkt und Rothelmshausen der Geburtsort von Friedrich war. Heute ist es ein Ortsteil in Fritzlar. Zu Zeiten der Geburt des Stadtpedells im Jahr 1859 war es ein Dorf mit 164 Einwohnern.
Was Friedrich Fölsch schließlich nach Fulda brachte, ist unbekannt. In dem Nachruf erwähnt ist, dass er vor seiner Tätigkeit in Fulda bei den Kasseler Husaren gewesen war. Das sind vage Angaben; denn nach der Annexion der kurhessischen Provinz 1866 wurde das Husaren-Regiment zum einen in die Preußische Armee eingegliedert und zum anderen nach Hofgeismar verlegt.
1885, mit 26 Jahren, wurde Friedrich Fölsch bei der Stadt Fulda eingestellt, zunächst als Aufseher im Heilig Geist-Hospital. Im gleichen Jahr heiratete er – Dorothea Elise Seitz aus Hessisch-Lichtenau, Tochter des Bäckers Karl-Friedrich Seitz. Wie sich die beiden kennengelernt hatten und warum es sie nach Fulda zog, ist nicht überliefert. Aber offensichtlich wurde nach der Festanstellung von Fölsch in Fulda der Plan der Familiengründung umgesetzt. Im Jahr drauf wurde die erste der drei Töchter geboren, Elisabeth Fölsch (1886/1964), die später Dietrich Kaiser aus Essen heiratete und auch dorthin zog. Die zweite Tochter Emilie Fölsch folgte 1889 (bis 1929) und zuletzt kam Anna Franziska, genannt Fränze, im Jahr 1889 (bis 1955) zur Welt.
Beruflich hatte sich Friedrich Fölsch offenbar bewährt: Er stieg nach nur vier Jahren im Dienst zum Pedell in Fulda auf. Zu seinen Aufgaben gehörten Botengänge, das Überbringen von Urkunden und Paketen und die Organisation und Ausführung der öffentlichen Bekanntmachungen der Stadt. Er wird viel rumgekommen sein in der Stadt, war mit vielen Menschen bekannt und offensichtlich gut gelitten. Seine Stammkneipe war die Weinstube Dachsbau, eine Restauration, die es bis heute in Fulda gibt. Mit dem Blick auf die Lebensdaten stellt man sich einen zufriedenen Menschen vor. Jedenfalls war er ein stattlicher Mann, wie das Foto zeigt, das vermutlich 1918 oder 1919 aufgenommen wurde. An der Hand hält Friedrich Fölsch seinen 1916 geborenen Enkel August.
Bemerkenswert ist der Steinlöwe im Hintergrund, die beiden Schwanzspitzen über den Rücken gelegt und der einen Hinweis auf den konkreten Ort enthalten kann. Diesen kann man auf dem zweiten Bild besser erkennen; es zeigt August mit seiner Mutter Fränze, verheiratete Weber und dritte Tochter des Pedells.
Ob dem Friedrich im Erwachsenenalter sein Zwillingsbruder Richard gefehlt hat? Dieser war irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert; genaueres ist nicht bekannt. Immerhin gibt es im Familienschatz ein Foto, das vermutlich Zwillingsbruder Richard und Ehefrau an einem Strand zeigt; die Frau trägt den typischen Glockenhut der 1920er Jahre. Vielleicht ist es aus dem Astoria Park im Norden von Queens – in jedem Fall New York, was auch den letzten Ortsnamen in der Todesanzeige erklärt.
Später, kurz nach dem zweiten Weltkrieg läutete ein amerikanischer Soldat bei den Nachkommen der Familie Fölsch in Fulda und gab sich als Abkömmling des Zwillingsbruders Richard zu erkennen. Für eine kurze Zeit entstand ein loser Briefkontakt. Fulda, Essen, New York Astoria, Rothelmshausen – der Pedell von Fulda hat in einem weiten Raum Spuren hinterlassen.
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P.S. Der Grabstein aus rotem Sandstein wurde 1920 für Friedrich Fölsch gefertigt. Die Familie geht davon aus, dass mit dem Ende der Liegezeit und dem Tod von Franz, dem Schwiegersohn von Friedrich Fölsch, die Buchstaben abgeschliffen wurden und so Platz für die folgenden Inschriften geschaffen wurde.
Friedrich Fölsch mit Enkel August (c) DH/SamWe
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Die Tochter des Pedells (c) DH/SamWe
Richard in Amerika ... (c) DH/SamWe
(c) DH/SamWe