„Kein Panzerübungsplatz in Dortmund-Schüren“
Man kann die Geschichte aus vielen Blickwinkeln erzählen: Als Stimmungsbild der 1980er Jahre, das in großen Teilen der Bevölkerung auf Abrüstung gerichtet war und wenig Verständnis für Kasernenerweiterungen hatte. Oder als Entstehungsprozess eines Bürger-Wir in Schüren, das sich gegen eine politische Entscheidung mobilisierte. Vielleicht sogar als biografische Episode des damaligen Oberbürgermeisters Günter Samtlebe, der aus Schüren stammte und plötzlich „seinen“ Schürenern gegenüberstand. Auch der in den Achtzigern entstandene Offene Kanal Dortmund ist Teil der Geschichte; denn der Schürener Panzerübungsplatz war ein erstes Highlight im Programm des Bürgersenders.
Es geht um den in Schüren geplanten und nicht gebauten Panzerübungsplatz auf dem Feld zwischen Gaußstraße und heutiger Stadtkrone-Ost, die bis in die Neunziger das Kasernengelände der „West Riding Barracks“ war.
Wobei das Wort „Panzerübungsplatz“ schon selbst eine Geschichte ist; denn in offiziellen Schreiben ist die Rede von einem „Fahrgelände“ oder „Übungsgelände für gepanzerte Fahrzeuge“ und der Oberbürgermeister selbst soll sich bei einer Veranstaltung über die Bezeichnung beschwert haben. „Das fahren keine Panzer!“
Öffentlich wurde die Angelegenheit 1985, als der Regierungspräsident ein Enteignungsverfahren für die „Landbeschaffung für Verteidigungszwecke“ in Gang setzte und die Eigentümer und Nutzer betroffenen Grundstücke anschrieb. Beauftragt hatte ihn das Bundesvermögensamt Hagen in Vertretung der Bundesrepublik Deutschland. Doch Gespräche und Abstimmungen hatte es bereits viel früher seit Ende der 1970er Jahre gegeben. Damals waren für den Ausbau der B236n/B1 einige Grundstücke der Britischen Rheinarmee nötig, die sich gegen entsprechende Ausgleichsflächen auch zur Gebietsabtretung bereit erklärte. Unbebaute Flächen südlich des Kasernengeländes boten sich an, insgesamt ging es um 60.000 qm. Und schon 1981 wies dabei die Stadt Dortmund auf die Einhaltung bestimmter Grenzwerte für die Lärmbelastung hin. Das wirkt wie ein fairer Deal – bis dann der sehr grobkörnige Widerstand in Schüren entstand.
Es gibt nicht das eine Datum, das den Beginn der Bürgerinitiative „Kein Panzerübungsplatz in Do-Schüren“ markiert. Irgendwie fanden genau die richtigen Menschen zusammen, die Interesse, Zielstrebigkeit, Engagement, Geduld und Mut mitbrachten, sich mit großem Zeiteinsatz gegen die Pläne zu stellen. Man muss sich das Schüren der 1980er Jahre wie ein Dorf vorstellen, in dem man sich kannte, sich in Unternehmen, Kirchen, Vereinen, Parteien, Kneipen und den beiden Supermärkten über den Weg lief. Viele lebten von Anfang hier, waren in ähnlichen Lebensphasen, teilten denselben Lebensrhythmus zwischen Arbeit und Freizeit. Ein gutes Dutzend bildete den organisatorischen Kern der Bürgerinitiative, der sich über Jahre wöchentlich im „Stahleck“ in der Ladenstraße traf.
Es muss die besondere Mischung in der Gruppe gewesen sein, die das Engagement und Durchhaltevermögen immer wieder neu entfachte. Es gab (noch) keinen Leitfaden für Bürgerinitiativen, doch die Geschichte dieses Engagements wirkt wie eine Blaupause. „Wir haben uns verstanden. Wir haben viel miteinander gesprochen“, sagt Ulla Hirsch, die eine der Initiatorinnen der BI war.
Es waren Arbeiterinnen und Arbeiter dabei, Hausfrauen und Rentner, Angestellte und Studierte. Sie hatten Wurzeln in der Politik, in Gewerkschaften, in Kirchen und Vereinen. Sie gingen sozusagen „All in“, setzen ihre Persönlichkeiten, ihre Netzwerke, ihre Ideen und Fähigkeiten ein. Allen war klar, dass Meckern allein nicht reicht. Dass Mobilisierung neben dem gemeinsamen Ziel vor allem auch Spaß braucht. Den gab es bei den Bürgerfesten in der Ladenstraße mit Steel Drummern und Zauberern, Musik und Tanz.
Sie gaben sich ein Logo, das an Deutlichkeit nichts offenließ, verbreiteten auf der Schreibmaschine geschriebene Presseinformationen und Flugblätter, gewannen Multiplikatoren. Ihre Aktionen waren direkt und auf Wirkung angelegt: Sie sammelten Sachspenden ein und verkauften sie auf Flohmärkten, um Geld für die Bürgerfeste zusammenzubringen. Sie markierten den Verlauf des geplanten 14 Meter hohen Lärmschutzwalls und übergaben vor dem Kasernentor, kritisch beäugt von den Wachleuten mit den Maschinengewehren, Postkarten an den Verbindungsoffizier der Rheinarmee. Ihre Argumente verbanden Lärm- und Staubschutz mit Natur- und Freiraumschutz, Pazifismus und Demokratie mit direkter Bürgerbeteiligung. Und letztere lebten sie selbst: Während der ganzen Zeit blieben sie basisdemokratisch – in jedem Jahr übernahm ein anderer eine Art Vorsitzfunktion.
Fünf Jahre hielten sie durch und wurden, wie es damals in der Zeitung hieß, zur dienstältesten Bürgerinitiative in Dortmund. 1988 führten sie das 3. Bürgerfest durch – als Teil der 25-Jahr Feier von Schüren-Ost. Noch zwei weitere Bürgerfeste folgten – das fünfte und letzte am 1. September 1990, wenige Wochen vor der deutschen Wiedervereinigung. Da war schon klar, dass das Übungsgelände nicht kommt, wenn auch nicht aus den jahrelang mit Vehemenz angeführten Gründen. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hatte im Januar 1990 den Erlass des Bundesverteidigungsministeriums aus formalen Gründen aufgehoben, der die planungsrechtliche Grundlage für das Übungsgelände gewesen war. Geklagt hatte überraschenderweise die Stadt Dortmund und auf fehlenden Immissionsschutz verwiesen. Durch das Urteil wurde das Vorhaben beendet, was sich rückblickend nahtlos in die weitere Entwicklung fügt: Mitte der 1990er Jahre verließ die Britische Rheinarmee den Standort.
Dem fünften Bürgerfest folgte kein sechstes – und der 25-Jahr-Feier folgte keine 50-Jahr-Feier. Geblieben sind Freundschaften – und das Resümee von Ulla Hirsch: „Ich will die Zeit nicht missen!“
Für Kommentare und Fragen schreiben Sie an schreib@digitales-heimathaus.de.
Text/Fotos: © DH Giese
Hier wäre er gewesen ... Bebauung der Stadtkrone-Ost im Hintergrund
©Anja Cord Dortmund - Im Hintergrund Gebäude der West Riding Barracks
Ein Tusch auf den Erfolg!