Spuren in Schüren: Das Künstlerpaar Siegfried und Doris Erdmann
Man muss schon wissen, wo man sie suchen muss, die Spuren des Künstlerehepaares Erdmann in Schüren:
- Am Glockenturm von St. Bonifatius an der Bergparte hängt der große Portalstein, der vorher an der 2008 abgerissenen katholischen Kirche an der Adelenstraße den Eingang krönte.
- In die Fassaden eingelassene Grundsteine markieren die Zeit der Errichtung der evangelischen Kirche, des Hildegard-Maas-Hauses, des evangelischen Gemeindehauses.
- Ein plastisches Wandrelief in farbenprächtiger Unterglasurmalerei hängt an einer Stirnseite im katholischen Kindergarten.
- In den Gottesdiensten schmücken Paramente die Altäre.
Die beiden Kirchen in Schüren waren bedeutsame Auftraggeber für Siegfried und Doris Erdmann, und in dem prachtvollen Mosaik im katholischen Kindergarten zeigt sich die kreative und schöpferische Verbindung der beiden Kunstschaffenden: Siegfried war der Bildhauer, der plastisch arbeitende Künstler, der die Keramik dreidimensional gestaltete und die Grundlage schaffte für die beeindruckend freudige und handwerklich sichere Farbgestaltung von Doris. Nicht nur bei dem großen Wandrelief arbeiteten sie zusammen; über lange Jahre fertigten sie gemeinsam Geschichte erzählende Keramikkacheln und verkauften sie auch in Schüren, wo sie bis heute viele Wände schmücken.
Das Paar war 1956 nach Schüren gekommen; da waren sie 30 Jahre alt und hatten schon ein Leben hinter sich. Siegfried Erdmann wurde 1926 in Alleinstein/Ostpreußen geboren, war Anfang der 1940er Jahre alt genug für den Militärdienst, geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft und zog nach seiner Entlassung nach Westen. Zunächst bis Soest, wo er zwei Jahre bei dem Bildhauer Fritz Viegener (Soest) ausgebildet wurde, bevor er dann 1949 nach Köln zum Studium wechselte.
Doris, ebenfalls 1926 geboren und zwei Monate älter als Siegfried, war gebürtig aus Apollensdorf (seit 1974 Lutherstadt Wittenberg). Später zog die Familie nach Klietz und Doris ging bis zum Abitur in Stendal zu Schule. Sie verfolgte ihre beruflichen Ziele im Kunsthandwerk gegen die Pläne des Vaters, der sie gern in seinen Fußstapfen als Chemikerin gesehen hätte.
In Köln trafen die beiden um 1950 herum zusammen, an den renommierten Kölner Werkschulen, die bald nach Kriegsende ihren Betrieb wieder aufgenommen hatten. Siegfried studierte im Bereich Bildhauerei, Doris bei der Paramentik, einem Bereich der Textilen Gestaltung.
Sie taten sich zusammen, heirateten 1955 und verfolgten in der unruhigen, unsicheren, unfertigen und chancenreichen Nachkriegszeit das Berufsziel der selbstständigen künstlerischen und kunsthandwerklichen Tätigkeit.
Siegfried Erdmann arbeitete ab 1952 als freischaffender Bildhauer – vielleicht bestärkt durch den Preis der Ausstellung „Eisen und Stahl“ in Düsseldorf, mit der sich die westdeutsche Kunstszene nach fast 20 Jahren einer Isolation wieder mit der internationalen Kunstwelt verknüpfte.
In Dortmund schloss sich Siegfried Erdmann dem Dortmunder Künstlerbund (Gründung 1956, aufgegangen im Westfälischen Künstlerbund Dortmund) an; auch Doris war dort für zwei Jahre Mitglied (1960 – 1962). Der DKB stand im Unterschied zur Dortmunder Gruppe eher für das Gegenständliche, das Reale, die Naturform – und im Gegenständlichen und Naturverbundenen lag der Ausgangspunkt der bildhauerischen Entwicklung von Erdmann. Ein spätes Beispiel dafür ist die „Dreiergruppe in Bronze“, die als kleineres Betonmodell in Schüren und in Bronzeguss vor der Fachhochschule Südwestfalen in Hagen („Gespräch“ 1963) steht. Ab Mitte der 1960er Jahre werden die Plastiken formaler, abstrakter. Seine Entwicklung beschreibt Erdmann 1980 so: „Im Laufe der Jahre wurden die Formen immer straffer und einfacher, die Gestaltung bewußter und nicht mehr so vom Thema abhängig (…).“ Die 12 Tonnen schwere Form „Formation“ vor der Johannes-Wulff-Schule an der Dortmunder Kreuzstraße (1971) zeigt diese Entwicklung eindrücklich. Erdmanns Werke sind im Inland und im Ausland verteilt, im Privatbesitz, in Kirchen und auf öffentlichen Plätzen. Ein umfassendes Werkverzeichnis gibt es bislang nicht.
An der Pekingstraße in Schüren richtete sich das Paar mit seinen zwei Kindern ein, pflegte unter anderem eine enge Freundschaft mit Walter und Birgit Potthoff, die als Artist und Ballett-Tänzerin ebenfalls künstlerisch unterwegs waren, bis Walter schließlich Küster in seiner Heimatgemeinde Schüren wurde. Auch das verstärkte die Bindung an die evangelische Kirche.
Menschen, die Siegfried und Doris persönlich kannten, beschreiben sie als Seelenverwandte, die sich ergänzten in ihren Eigenschaften und Eigenarten. Siegfried war der Ruhige, der Zurückhaltende, der, der Autos ablehnte und zu Fuß durch Schüren ging. Oft trug er die schwarze Baskenmütze und die graue Hausjacke mit den vielen Knöpfen, die ihm Doris gewebt hatte. Und Doris brachte die Menschen zum Lachen mit ihrem Mutterwitz und ihrer einnehmenden Art. Sie beherrschte den ganzen Prozess der textilen Gestaltung – der mit einer Faser oder einem Haar beginnt und mit einem Kleidungsstück endet. Als Katzenliebhaberin lag da ein Gedanke nahe: Sie strickte einen Pullover aus den gesammelten und gesponnen Haaren ihrer Katzen.
Im Sitzungszimmer des evangelischen Gemeindehauses hängen 31 kachelgroße Tonreliefs mit biblischen Szenen. Siegfried schenkte sie Jahr für Jahr Doris zum Geburtstag. Diese Tonreliefs sind natürlich unbemalt.
Text/Fotos: © DH Giese
Lebensdaten: Siegfried Erdmann, geb. 27.08.1926 in Allenstein/Ostpreußen, gest. 30.01.2017 in Dortmund
Doris Erdmann geb. Albrecht am 23.06.1926 in Apollensdorf (Lutherstadt Wittenberg), gest. 2019 in Dortmund
Plastisches Wandrelief Siegfried und Doris Erdmann
Portalstein am Glockenturm St. Bonifatius Siegfried Erdmann
Grundstein Hildegard-Maas-Haus Siegfried Erdmann
Siegfried und Doris Erdmann
Wandteppich Doris Erdmann
Ausschnitt Betonplastik Gespräch 1963
Modelle und Plastiken im Garten Siegfried Erdmann
"Der starke Samson" Tonrelief Siegfried Erdmann