Heimat Schüren

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Von Schramm, Gedinge, Krähl und Galmei – Eine Geschichte zu den Schürener Straßennamen

Der Bergmeister des Grafen von der Mark kam persönlich in das Emschertal unterhalb des Dortmunder Rückens. Er sprach mit den Bauern der großen Höfe an der Schürener Straße. „Es soll nicht mehr einfach so geschurft werden“, sagte er. Der wilde Abbau des schwarzen Steins hatte im Laufe der Zeit die Landschaft des Emschertals verändert. Anhäufungen und Geländeeinschnitte, Mulden und Hänge zogen sich durch das Schürener Becken.

„So soll es nicht weitergehen“, stellte er fest. „Ich weiß es genau: Nachts kommen eure Hauer und schlagen wild die Löcher in den Boden, schieben Galmei und Schluff an die Seite und hauen mit dem Beil der Bergleute, der Bergparte, den schwarzen Stein. Einer führt den fünfzinkigen Krähl und zieht die Kohle in zwei Haufen zusammen. Einer ist für euch, der kleinere das Gedinge der Bergleute. Das ist wilder Abbau und für euch ein lohnendes Nebengeschäft.“ Der Bergmeister machte eine Pause und betrachtete drohend die Bauern. „Und ich weiß schon, dass ihr die Kohle nach Unna bringt und dort an die Salzsieder verkauft.“ Im Hintergrund murmelte jemand. „Jaja, oder nach Dortmund in die Schmieden“, ergänzte er.

„Doch der Graf ist nicht nachtragend – und ich bin es auch nicht.“ Die Bauern versuchten angesichts dieser Vorwürfe unschuldig zu blicken. „Also hört zu. Ab jetzt gibt es Kohlenabbau nur noch mit Anmeldung. Am Remberg werden wir einen Pütt aufmachen und einen Stollen in den Hügel treiben. Das kostet Geld und muss wieder verdient werden. Da stört der wilde Abbau.“ Die Bauern redeten durcheinander. „Und dann stürzt der ganze Remberg ein und verschüttet Mann und Maus“, sagte einer. Doch der Bergmeister unterbrach dieses Durcheinander sofort. „Quatsch, nun seid doch nicht so phantasielos. Mit Stempeln halten wir das Hangende und die Bergleute setzen sich die Gugel auf den Kopf.“ Doch das Gemurmel hörte nicht auf. „Am Streb, da, wo die Kohle ist, setzen die Bergleute waagerecht den Schramm und senkrecht den Schlitz und brechen dann den schwarzen Stein in großen Brocken. Die lassen sich leicht rausziehen.“ „Soso“, hörte man. „Und wie findet man die Kohle da im Berg ohne Fenster? Wollt ihr dort wie die Wühlmäuse Gänge drunter und drüber anlegen?“

Der Bergmeister räusperte sich. „Das lasst mal unsere Sorge sein. Unser Markscheider hat das Feld schon längst vermessen.“ Die Bauern lachten auf. „Und euer Markscheider kann mit seinen Augen durch Fels und Wand gucken, nicht wahr?“ Der Bergmeister wartete eine Weile, bis sich die Bauern beruhigt hatten. „Ihr stellt euch jetzt aber absichtlich so begriffsstutzig an, oder?“ Das war den Bauern doch zu persönlich. Der Schulze von Schüren, so eine Art Oberbauer, erhob sich. „Mit Verlaub, Herr Bergmeister, und in aller Güte: Wir sind erfolgreiche Bauern. Wir kennen uns aus mit Pflanzen und Tieren und wir sorgen dafür, dass die Menschen zu essen haben. Da müssen wir uns nicht beleidigen lassen.“ Ja, dachte der Bergmeister bei sich, und ihr wisst, wie man den Grafen betucken kann.

Beschwichtigend hob er den Arm. „In Ordnung, ich erkläre es ja. Was wir heute als Kohle aus dem Boden holen, war vor hunderten Millionen Jahren Humus, der sich aus abgestorbenen Pflanzen bildete. Es waren vor allem die über 40 Meter hohe Siegelbäume, die nach dem Absterben dicke Schichten bildeten. Mit Humus kennt ihr euch ja aus“, er konnte sich nicht enthalten, dies zu sagen. „Überall da, wo diese dicken Schichten in Sumpf und Moor versanken, kam kein Sauerstoff an die Pflanzenreste und es bildete sich Torf. Seit dieser lang zurückliegenden Karbonzeit veränderte sich die Erde: Sand wurde her geweht, Ozeane lagen in unserer Westfälischen Bucht und lagerten Geröll ab; es wirkte ein riesiger Druck auf den Torf und presste das Wasser raus. Die Schichten verdichteten sich immer mehr, es kam zu Veränderungsprozessen – und schließlich bildete sich die Kohle, die wir hier finden.“

Die Bauern hörten aufmerksam zu und ein Kluger merkte an, dass dies so nicht stimmen könnte, weil sich etwa im nahen Unna und Wickede keine Kohle auf dem Feld findet. „Ja und nein“, antworte der Bergmeister. „In Wickede und Unna gibt es im Boden auch Kohle. Doch dort liegt die Kohle viel tiefer als bei euch direkt unter der Grasnarbe.“ Er sorgte mit beiden Händen für Ruhe. „Woher ich das weiß? Von den Vermessungen des Markscheiders. Denn die Schichten mit der Kohle wurden durch Erdbeben und Vulkane und Erdbewegungen vor langer Zeit durcheinandergebracht, aufgefaltet, in die Tiefe geschoben, an die Oberfläche geholt – wie hier in Schüren.“

Die Bauern waren wenigstens ein wenig beeindruckt und warteten ab. „Und jetzt will der Graf als Landesherr und damit Eigentümer aller Bodenschätze vom Abbau der Kohle seinen Anteil einfordern.“ Was jetzt wohl kommt, dachten einige Bauern. „Jeder, der in Zukunft Kohle abbaut, muss den Kohlezehnten abführen.“ Jetzt war es raus und den Tumult hatte der Bergmeister erwartet. „Was soll das heißen?“ – „Eine neue Steuer?“ – „Ich bin Bauer.“ – „Und wenn mein Pflug ein Stück Kohle aus Versehen erwischt?“ Der Bergmeister hatte Erfahrungen mit solchen Sitzungen. „Liebe Leute“, sagte er. „Beruhigt euch. Ihr bleibt beim Ackern. Und wir kümmern uns um das, was unter euren Feldern liegt.“ Er machte eine kurze Pause.

„Ich sage euch jetzt, wie es laufen wird: Der Markscheider wird das gesamte Emschertal vermessen und in Abbaufelder teilen. Und jeder, der einen Schacht anlegen und betreiben will, muss dann von uns eine Erlaubnis holen. Diese ganze wilde Buddelei von Schächten mit ihren Fahr- und Fördertrums muss ein Ende haben. In Zukunft steht vor jedem Schacht ein Lochstein, der das Abbaurecht markiert.“

Der Schulze von Schüren meldete sich. „Das hört sich nach einem guten Plan an“, sagte er und überhörte das Grummeln einiger Kollegen, die ihre guten Nebengeschäfte mit der Kohle bedroht sahen. Doch er wusste, dass sie wenig ausrichten konnten gegen die Durchsetzung der märkischen Bergordnung, die schon seit Jahrhunderten galt. „Wir müssen dann aber auch über eine Entschädigung reden.“ Das Gesicht des Bergmeisters verfinsterte sich. Er empfand diese Forderung unverschämt. „Entschädigung wofür“, knurrte er.

Der Schulze legte sich seine Wörter zurecht. „Die Schächte und Stollen machen unseren Acker und unsere Wiesen ganz porös. Wie oft ist es schon passiert, dass Vieh in sich plötzlich auftuenden Löchern gestürzt ist, dass die Erde sich auftat und die Saat verschlungen hat. Und einmal sogar ist ein Knecht verschwunden, den wir nur mit Mühe lebendig an die Oberfläche ziehen konnten. Für diese Schäden können wir nichts und dafür wollen wir einen Ausgleich.“ Er setzte sich wieder.

Einen Moment blieb es still, auch die Bauern sagten nichts. „Ich sehe ein, dass wir das regeln müssen. Und ich sehe auch das Problem, dass solche Schäden vielleicht erst viel später in 10 mal 10 Jahren geschehen. Hier also mein Vorschlag zur Güte: Wir wenden die Tradde an: Ihr kriegt einen bestimmten Anteil von der geförderten Kohle – und dann ist für die Ewigkeit alles abgegolten. Seid ihr damit einverstanden?“

Die 19 Straßen in der Siedlung Schüren-Ost wurden 1962 mit Begriffen aus dem Bergbau benannt.