Anno 1349 – Eine junge Frau aus der Niederbörde wird Bürgerin in Soest
Von der heute mit Windrädern besetzten Kuppe hat man einen Blick auf die Stadt Soest mit ihren aufragenden Kirchtürmen und den vielen Häusern, die verglichen mit dem Leben auf dem Land Trubel und Aufregung verheißen. Doch es wird vor rund 675 Jahren nicht die Sehnsucht nach einem aufregenden Leben gewesen sein, die Beleke aus dem heutigen Merklingsen in die Stadt führte.
Die Quellenlage ist so dünn, dass man schon ordentlich wringen muss, um die Frau vom Land zu einer Person zu machen. Beleke ist nicht die erste Frau, die das Bürgerrecht in Soest erhält, aber die einzige aus Marklinchusen, einem kleinen Dorf im Westen der Börde. Beleke, Tochter des Jo. Hert, heißt es im ältesten Bürgerbuchbuch der Stadt Soest. Eine junge Frau also, deren eindeutige Identifizierung den Rückgriff auf den Vater erfordert, Johann geheißen. Das angefügte Hert ist rätselhaft; denn Nachnamen entwickeln sich gerade erst. Die Anfügung soll wohl unterscheiden, denn Jo. ist ein häufiger Name und dürfte auch in dem Bördedorf mehrere Männer bezeichnen. Diese verteilen sich auf vier große Höfe und einige kleine in dem kleinen Dorf – und für einen Hof ist der Name Hertgesgut überliefert, „Hirschgut“, was auch heute noch an der historischen Stelle unter dem Namen Hof Rüsse zu finden ist. Es ist also gut möglich, dass Jo. Hert der Pächter auf genau diesem Hof war, ein freier Bauer, der auf einer vertraglichen Grundlage mit dem Grundeigentümer das zum Hof gehörige Land zusammen mit den an den Grund gebundenen Eigenbehörigen bewirtschaftete.
Mitte des 14. Jahrhunderts wechselte das Gut in kurzer Zeit zweimal den Eigentümer: Die aus Dortmund stammende und über die Hanse bekannte Kaufmannsfamilie Sudermann hatte das Hertgesgut 1335 gekauft und gab es 1349 an das St. Walburgis Kloster in Soest weiter. Dass dies das Leben des Jo. Hert in Marklinchusen berührte, ist unwahrscheinlich, solange er seine Abgabepflichten erfüllte.
Die Tochter „in die Stadt“ gehen zu lassen, auch wenn die nur 10 Kilometer entfernt liegt, dürfte dagegen sehr wohl Aufregung und Unsicherheit ausgelöst haben. Zum einen natürlich, weil dort die Lebensumstände andere waren als auf dem Land - höhere Sterblichkeitsrate und ungesunde hygienische Verhältnisse, Enge und schlechte Luft. Zum anderen lässt sich vermuten, dass auch in das kleine Bördedorf längst die Gerüchte über die brutale Krankheit, die sich aus dem Süden kommend ausbreitete, angekommen waren.** Die Pest** war auf dem Vormarsch nach Norden und im Jahr 1349 war noch lange nicht ausgemacht, dass Soest weitgehend verschont bleiben würde.
Beleke, übrigens eine Variante des Rufnamens Elisabeth, geht als Tochter nach Soest und nicht als Gewerbetreibende, was im Bürgerbuch in wenigen Fällen vermerkt ist (Händlerin, Apothekerin). Sie ist offensichtlich alt genug, den Bürgereid zu leisten. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie in Diensten einer Bürgerfamilie stand, die ihr durch die Einbürgerung eine Altersversorgung in den städtischen Wohlfahrtseinrichtungen ermöglichen wollte. Im Grunde bleibt dann nur eines: Sie sollte oder wollte heiraten – und seit etwa 1322 reichte dies in Soest nicht mehr aus, um als Frau in die Bürgerrechte des Ehemanns einzutreten. Die Stadt hatte das Potenzial der Einbürgerung für die Einnahmeerzielung erkannt, was auch erforderlich war; denn Soest hielt viel auf eine gute und festliche Lebensart.
Ob einer der beiden Bürgen der zukünftige Ehemann war, lässt sich nicht ableiten. Aber die beiden Leumundszeugen sprechen für ein bestimmtes Milieu: Beide Bürgen sind Handwerker – der eine, noch ein Johann, ist der Schmied vom Nöttentor bzw. Nöttenhof (Notene faber) und der andere, Gos., ist ein bloycmekere, was zum Textilgewerbe zählen könnte (Textilbleicher). Auffällig ist, dass für die Einbürgerung nur 18 statt der in dem Jahr üblichen 21 Schillinge fällig werden; vielleicht eine besondere Anerkennung für die Handwerker – oder die fehlenden drei Schilling wurden in irgendeiner Form abgearbeitet.
12 Schilling = 1 Mark = Recheneinheit für 234 g Silber
Es ist naheliegend anzunehmen, dass Beleke in ein Netzwerk aus Handwerkern und ehemaligen Merklingsern aufgenommen wurde. In den 150 Jahren der Aufzeichnungen im Bürgerbuch kamen etwa 14 Neubürger aus dem auch heute noch kleinen Dorf der Niederbörde; das sind relativ viele verglichen mit anderen und größeren Ortschaften der Börde. Einige tauchen mehrfach aus, als Bürge für andere Merklingser oder Leute aus Dörfern in der Nähe; und die spärlichen Informationen verweisen immer wieder auf Angehörige des Handwerks, die wohl auch ehrgeizig und rege waren, wie ein städtisches Verwendungsschreiben für Goswinus de Merkelinchusen belegt, der mit anderen eine Reise tat.
Beleke ging also fort von zuhause, um ein gänzlich neues Leben zu beginnen: Als Ehefrau und als Bürgerin in einer Stadt mit damals 10.000 Einwohnern. Möge sie das Beste angetroffen haben! (IG)
Für Quellenangaben und/oder Rechte am Beitrag schreiben Sie an schreib@digitales-heimathaus.de.
Fotos/Text: © DH Giese
Soest im 16. Jh. - 1_kupferstich-mit-stadtansicht-von-soest-12220.jpg: CC BY-NC-SA / Museen Burg Altena/
Lage des Hertgesgutes heute - Hof Rüsse, 20. Jh.