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Der Vorschwarm

Die Nachbarin hatte den Schwarm zuerst gesehen. Als wilde Wolke drehte und wendete er sich über Merklingsen, um sich schließlich in einem alten Birnbaum neben einem leuchtend blühenden Ginster festzusetzen. Jetzt beginnt die Schwarmzeit, sagt der Hobby-Imker Thomas Dembinsky aus dem Zentralort Welver und begutachtet den dicken Zopf aus Bienen, in dessen Mitte sich irgendwo die Königin befindet. Vermutlich ist es die Altkönigin, die mit ihrem Gefolge aus einem zu eng gewordenen Bienenstock ausschwärmte. Zurück blieben dort Ammenbienen. Sie kümmern sich mit Gelée royale um die zuletzt gelegten Eier, aus denen neue Königinnen werden. Von diesem guten Dutzend können in den nächsten Wochen noch (Nach-)Schwärme folgen.

Eine Bienenkönigin kann vier Jahre alt werden – und entsprechend häufig das Volk in die Fremde führen. Voraussetzung ist jedes Mal, dass sie den Wechsel von bewegungsloser Eierproduzentin hin zur fitten Fliegerin schafft. Es ist ein komplexes Zusammenspiel aus Größe des Bienenstocks, Nahrungsangebot und Anzahl der Bienen, das den Schwarmtrieb auslöst. Als Imker muss man dabei auf dem Quivive sein, um seine Völker zu behalten und ein Abschwärmen zu verhindern, indem er Ableger bildet und so den Schwarmdruck verringert.

Thomas Dembinsky zieht sich die Schutzhaube über und steigt die Leiter hoch. Dann schüttelt er die Bienentraube in die Fangkiste. Das Summen nimmt deutlich zu, dreißig, vierzig Bienen sammeln sich auf dem Schutzhemd, umschwirren in hektischem Flug den Birnbaum und setzen sich auf den Ast, an dem gerade noch hunderte Bienen waren. „Die Pheromone der Königin sind noch da“, sagt er. Mit dieser Königinnensubstanz wird das Volk zusammengehalten. Irgendwann verflüchtigt es sich an dieser Stelle und die frei fliegenden Bienen suchen nach ihrer Königin, die nun unter dem Baum in einer Kiste sitzt. Knapp zwei Stunden dauert es – und das Volk ist wieder zusammen.

Nun sitzen sie in der Transportkiste, die der Imker abends abholen will, wenn auch die letzten Spurbienen von ihren Erkundungsflügen zurückgekommen und ebenfalls in die Kiste geschlüpft sind. Wenn bis dahin niemand aufgetaucht ist, um „seine“ Honigbienen einzusammeln, gehört das Volk dem Imker Dembinsky. Das legt das deutsche Bienenrecht fest, das aus einem Imker einen Tierhalter macht und aus einem nicht „unverzüglich“ verfolgten Bienenschwarm etwas Herrenloses, was sich jedermann aneignen kann. Das nun freut den Imker Dembinsky und auch die Eigentümerin des Grundstücks, die ein Glas Honig als Deputat erhält. (IG)

Die Imkerei Dembinsky hat ihren Standort in der Birkenstraße in Welver